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Ägyptologie-Seminare > Unterweltsbücher > 1 Jenseitsliteratur

Das altägyptische Jenseits als Ort des Wissens und des Glaubens: Eine Einführung in die altägyptischen Unterweltsbücher

Kurzzusammenfassung zur Seminarnachbereitung
Veranstaltung im Kontaktstudium der Universität Hamburg im Sommersemester 2018

 

1 Einführung in die altägyptische Jenseitsliteratur: ältere und jüngere Unterweltsbücher

Die Unterweltsbücher sind eine religiöse Textform des Neuen Reiches, die Bild und Text effektvoll kombiniert. Sie explorieren in zuvor nicht gekannter akribischer Detailfülle die jenseitigen Gefilde (die Dat) in dem Bemühen, dem Verstorbenen vereinfacht ausgedrückt eine Mischung aus Reiseführer und Landkarte an die Hand zu geben, die es ihm ermöglichen soll, den mitunter gefahrvollen Weg hin zum erstrebten paradiesischen Jenseits unbeschadet zu meistern. Der älteste Text dieser literarischen Gattung ist das Amduat, altägyptisch

(t3 md3t jmjt dw3t), zu Deutsch etwa „Buch von dem, was in der Dat ist“. Es ist erstmals im Grab Thutmosis’ I. (1504-1492 v. Chr.) im Tal der Könige (KV 20) belegt und erwies sich inhaltlich und graphisch als stilbildend für die nachfolgenden Unterweltsbücher, insbesondere das ebenfalls noch zu den älteren Unterweltsbüchern zählende Pfortenbuch. Allen Unterweltsbüchern ist als Thema die Nachtfahrt des Sonnengottes gemein sowie die während dieser Zeit stattfindende Verjüngung des Gottes, die Voraussetzung und Katalysator für die tägliche Erneuerung der Schöpfung ist.

Die altägyptischen Jenseitsvorstellungen haben im Laufe der Jahrtausende eine Reihe von Wandlungen durchlaufen, die sich u. a. an der Lokalisation des stets mit den Nachtstunden assoziierten Jenseits anschaulich nachvollziehen lassen (Tab. 1).

 

Tab. 1 Lokalisierung und Charakteristika des altägyptischen Jenseits im Alten, Mittleren und Neuen Reich

 

Im Neuen Reich stellten sich die Ägypter die Nachtfahrt primär als die zweite, untere Hälfte einer Kreisbahn vor, die den Sonnengott des Tages über den sichtbaren Himmel und des Nachts durch das in der Unterwelt verborgene Jenseits führte (Abb. 1).

 

Abb. 1 Tag- und Nachtfahrt des Sonnengottes. Im Osten (li.) ist er in seiner morgendlichen Form als Chepri-Käfer zu sehen, mittags als mächtiger Himmelsgott, am Abend als gealterter Atum (re.), der am westlichen Horizont in die Unterwelt eingeht, die von dem Totengott Osiris (u.) beherrscht wird. Grafik: KL

 

Während der im Alten Reich vorgestellte Aufstieg des Pharao an den nächtlichen Sternenhimmel fast uneingeschränkt mit positiven Konnotationen versehen ist (u. a. Personifizierung des Nachthimmels als Muttergöttin Nut), ist der Abstieg in die Unterwelt primär mit einem Empfinden des Grauens und der Furcht belegt. Dies wird erst durch die positiv durchwirkten Jenseitstexte aufgelöst, die einen ermutigenden Leitfaden durch das gefahrvolle, den Verstorbenen mit dem zweiten, endgültigen Tod bedrohende Jenseits bieten und am Ende des Weges den Eingang in die elysischen Gefilde verheißen.

Die Dat, das altägyptische Totenreich, lässt sich in vielerlei Hinsicht als ein Spiegelbild des Diesseits vorstellen: Da wie dort gingen die Verstorbenen bzw. die Lebenden der Feldarbeit nach, folgten dem ewigen Wechsel von Überschwemmung, Aussaat und Erntezeit. Die Tätigkeiten und Beschäftigungen in beiden Sphären ähnelten sich in vielen Belangen, doch war das jenseitige Leben frei von den Unannehmlichkeiten und Beschwernissen des irdischen Alltags. Im elysischen Jenseits genossen die seligen Verstorbenen zu jeder Zeit erfrischende Getränke und nahrhafte Speisen, spielten Brettspiele oder erholten sich am Ufer eines kühlenden Teiches. In unmittelbarer Nähe zu diesen paradiesisch anmutenden Gefilden befanden sich die höllisch anmutenden Straforte. Dort erlitten die Verdammten auf unterschiedliche Weise einen grausamen, zweiten Tod, der sie für immer aus der Schöpfung und dem Licht des Sonnengottes ausschloss, welches nach altägyptischer Vorstellung die Voraussetzung für das Weiterleben im Tode war.

Die Dat war Teil der geschaffenen Welt, doch sie besaß an verschiedenen Stellen Berührungspunkte mit dem uranfänglichen Chaos, das einerseits die Schöpfung bedrohte, andererseits aber auch Quelle ihrer kontinuierlichen Erneuerung war. Der irdische Tod wurde dabei als notwendiger Teil des zyklischen Weltbildes verstanden, der die Erneuerung des Sonnengottes – und in seiner Nachfolge die der Verstorbenen – erst ermöglicht. Es ging den alten Ägyptern in ihrem religiösen Verständnis also nicht so sehr um eine Überwindung des Todes, sondern er wurde eher als eine rite de passage aufgefasst.

Im Fokus der altägyptischen priesterlichen Wissenschaft stand die Erlangung von Kenntnissen über die Dat, die zur Erstellung hilfreicher Sprüche und einer detaillierten Topographie des Totenreiches verwendet wurden. Dieses Bestreben führte zu für uns in ihrem Streben nach Exaktheit so verblüffenden Aussagen wie der, dass der erste Nachtstundenbereich, den der Sonnengott in der ersten der insgesamt zwölf Nachtstunden durchfährt, ˜193 km lang ist. Insgesamt sind im Amduat rund 900 göttliche Wesen am nächtlichen Geschehen beteiligt, viele von ihnen werden im Text namentlich genannt. Trotz dieser z. T. so überraschend präzisen und prägnanten Angaben stellen die Text-Bild-Kombinationen der Unterweltsbücher bis heute aufgrund ihrer potenziellen Mehrdeutigkeiten eine große Herausforderung für die Ägyptologie dar, und viele der dargestellten Szenen sind nach wie vor nicht sicher verstanden. Sie spiegeln die für das alte Ägypten typische Identität von Wissenschaft und Glauben wieder, die hier unmittelbar ineinander übergehen.

Üblicherweise werden folgende Texte zu den Unterweltsbüchern gezählt:

Ältere Unterweltsbücher

Amduat
Pfortenbuch

Jüngere Unterweltsbücher

Höhlenbuch
Buch von der Erde
Änigmatisches Unterweltsbuch

Sie alle befassen sich mit der nächtlichen Fahrt des Sonnengottes durch die Unterwelt. Inhaltlich verwandt sind das Nutbuch, das Buch vom Tage und das Buch von der Nacht, das Buch von der Himmelskuh und die Sonnenlitanei, die jedoch die Nachtfahrt in den Leib der Himmelsgöttin Nut verlegen.

Insgesamt stellen alle diese Bücher den solaren Aspekt der Nachtfahrt in den Mittelpunkt und verknüpfen die Frage nach dem Verbleib des Sonnengottes mit der nach seiner allnächtlichen Erneuerung. Diese ermöglicht nicht nur die tägliche Regeneration und den Erhalt der Schöpfung, sondern ist auch Voraussetzung für das menschliche Leben auf Erden.

 

⇒ 2 Die 1.-2. Nachtstunde