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Ägyptologie-Seminare > Häuser für die Ewigkeit > 4 Neues Reich

Häuser für die Ewigkeit
Mythologie, Grabdekoration und -architektur des Alten Ägypten

Kurzzusammenfassung zur Seminarnachbereitung
Veranstaltung im Kontaktstudium der Universität Hamburg im Sommersemester 2021

 

4 Die Grabanlagen des Neuen Reiches: Die Tiefe der Unterwelt

Im 16. Jh. v. Chr. vertrieben Mitglieder eines thebanischen Prinzengeschlechts die Hyksos, ungeliebte Fremdherrscher, die in der Zweiten Zwischenzeit das Pharaonenreich beherrscht hatten, aus dem Land. Mit der folgenden Rückverlegung der ägyptischen Hauptstadt nach Theben ging die Wahl des Tals der Könige als neuem Begräbnisort einher. Die Bauform der Pyramide wurde aufgegeben, teils aus einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis heraus (Grabräubertum), das Verborgenheit dem nach außen gerichteten Prunk früherer Begräbnisstätten vorzog, teils, weil das natürliche, das Tal überragende Felsmassiv el-Qurn das Bild der Pyramide evozierte und die Form daher nicht architektonisch nachgebildet werden musste. So blieb auch dank dieser topographischen Besonderheit die Verbindung zum stellaren und solaren Jenseits bestehen: Für die Alten Ägypter präsentierte sich das Nebeneinander von Leben und Tod seit jeher auch in der sie umgebenden Landschaft. Es war allgegenwärtig und betonte die friedvolle Koexistenz beider Sphären sowie deren räumliche Verteilung, die vor allem durch topographische Landmarken voneinander zu unterscheiden waren: Leben und Tod folgten parallel dem Lauf des Nil, das Leben auf der Ostseite, der Tod auf seiner Westseite, wo auch das Tal der Könige gelegen ist.

Im Neuen Reich wird die begonnene Trennung von Grab und Totenkult vollständig vollzogen: Während die Grabstätten verborgen in den Hängen des Tals der Könige angelegt wurden, entstanden gleichzeitig prunkvolle Totentempel („Häuser der Millionen Jahre“) räumlich separiert an den Nilkanälen am Rande des Fruchtlandes. Sie setzten die Tradition der auch externen funerären Prachtentfaltung fort, während sich diese in der Grabanlage nach innen richtete. Die Absenkung der Grabanlagen in das Innere der Erde spiegelt die mythologische Verlegung des Jenseitsreiches in die Unterwelt wider. Die Tag- und Nachtfahrt des Sonnengottes schloss sich damit endgültig zur Kreisbahn. Die topographischen Angaben wurden detaillierter und konkreter. Sie führten jetzt Schritt für Schritt bis an den tiefsten Punkt der Unterwelt – den dunkelsten Ort der Nacht – wo allnächtlich die Erneuerung des Sonnengottes stattfindet. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die Nachtfahrt zu einer kohärenten Erzählung, die sich räumlich und zeitlich durch die zwölf Stunden der Nacht erstreckt.

Das mythische Denken formte das Jenseits im Neuen Reich vor dem Hintergrund des Osiris-Schicksals zu einem Ort des Verweilens, in Verbindung mit dem Sonnenmythos hingegen zu einem Durchgangsort der zyklischen Bewegung im Gefolge des Sonnengottes, die in einer kontinuierlichen Erneuerung begriffen ist. Auf diese Weise gingen beide Ewigkeitsbegriffe des altägyptischen Denkens konfliktfrei ineinander auf.

Die Unterweltsbücher sind die bestimmenden Jenseitstexte des Neuen Reiches. Anders als die Pyramiden- und Sargtexte sind sie nicht nach ihrem Anbringungsort benannt, sondern nach dem mythologischen Ort, den sie beschreiben: das chthonische Jenseits. Man unterscheidet Ältere und Jüngere Unterweltsbücher.

 

 

Abb. 2 Während die Älteren und Jüngeren Unterweltsbücher die Nachtfahrt des Sonnengottes in der osirianischen Unterwelt stattfinden lassen, verlegen die in der Grafik unten aufgeführten Bücher diese in den Leib der Himmelsgöttin Nut. Sie greifen damit die bereits aus dem Alten Reich stammende Vorstellung der nächtliche Reise durch den Himmelskörper auf. Die gleichzeitige Verwendung beider Buchtypen in denselben Grabanlagen illustriert augenfällig, dass beide Konzepte im Sinne der „komplementären Logik“ (Hornung) gleichberechtigt nebeneinanderstanden. Grafik: KL

 

Parallel zu den Unterweltsbüchern existierte die heute als Totenbuch bezeichnete Textsammlung, die sich aus den Sargtexten entwickelt hatte und grundsätzlich für nicht-königliche Verstorbene konzipiert war (bekannte Beispiele sind das Totenbuch des Hunefer und das Totenbuch des Ani, beide stammen aus der 19. Dynastie). Kernszene der Totenbücher ist das Totengericht, das über das jenseitige Schicksal entschied.

 

Architektur

In den königlichen Felsgräbern des Tals der Könige wurde das neue mythologische Konzept des osirianischen Jenseits architektonisch auf drei verschiedene Weisen umgesetzt (in chronologischer Reihenfolge).

  1. Gräber, deren Hauptachse eine Krümmung aufweist (im Seminar besprochene Beispiele: KV 20, vermutlich Thutmosis I., und KV 38, Hatschepsut)
  2. Gräber, deren Hauptachse ein bis zwei nahezu rechtwinklige Knicke aufweist (im Seminar besprochene Beispiele: KV 34, Thutmosis III., und KV 35, Amenophis II.)
  3. Gräber mit gerader Hauptachse (im Seminar besprochenes Beispiel: KV 8, Merenptah)

Während die ersten beiden Formen vermutlich die von den Alten Ägyptern als gekrümmt und gewunden vorgestellten Wege des Jenseits nachbildeten, weist der dritte, jüngste Typus mit seiner gerade verlaufenden Hauptachse Spuren des als Amarna-Zeit bezeichneten, nur rund 20 Jahre andauernden Abschnitts der altägyptischen Geschichte auf. In dieser Zeit hatte Pharao Echnaton die alten Götter als nicht existent erklärt und Aton, die Sonnenscheibe, zum alleinigen Gott erhoben. Mit dieser vollständigen Konzentration auf einen solaren Kult veränderte sich auch die sakrale und funeräre Architektur. Sollten die Anlagen zuvor die z. T. labyrinthische Struktur der osirianischen Unterwelt zeigen, fokussierte der Grabbau der Amarna-Zeit auf den eindeutigen, gerade verlaufenden Weg hinaus aus dem Grab ans Sonnenlicht. Obwohl Ägypten nach dem Tod Echnatons zu den alten Göttern und Überzeugungen zurückkehrte, darf man wohl in den nun mit einer geraden Hauptachse ausgestatteten Gräbern im Tal der Könige ein Überbleibsel der Ideologie des Amarna-Kultes erkennen, der – typisch für das altägyptische Denken – trotz seiner Verfemung auf die mythologischen und architektonischen Konzepte der Nach-Amarna-Zeit Einfluss nahm.

 

Weiterführende Literatur

Laatsch, Katrin
Häuser für die Ewigkeit – Gräber und Mythologie im alten Ägypten
Darmstadt: wbg – Philipp von Zabern, 2020
ISBN: 978-3-805-35261-1

 

⇒ 5 Die Nachtfahrt des Sonnengottes